Mit missionarischem Eifer

 

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Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen. btb 2017

Was der Schreiber so liest (21)

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen (2015)

Je mehr ich darüber weiß, wie Bestseller gemacht werden – und sie werden gemacht, nicht geschrieben –, hege ich ein gesundes Misstrauen gegenüber Bestsellerlisten. Wenn Bestsellerlisten Bestenlisten wären, so die Faustregel, dann wäre Dieter Bohlen ein großer deutscher Literat. Die Sache hat nur einen Haken: Auf Bestsellerlisten finden sich richtig gute Bücher, verdammt gute Bücher bisweilen. Also braucht es andere Lotsen.
Bei Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ fing es ebenso mit Misstrauen an. Doch „Mit missionarischem Eifer“ weiterlesen

Vaterland und Muttersprache

Gegen die Talibanisierung der deutschen Sprache

Typewriter

 

 

 

 

 

Kennen Sie Kristin Rose-Möhring? Die Frau mit dem Doppelnamen ist seit 2001 Gleichstellungsbeauftragte des Bundesfamilienministeriums und außerdem „Vorsitzende des Interministeriellen Arbeitskreises der Gleichstellungsbeauftragten der obersten Bundesbehörden“ (IMA). Mal ganz abgesehen von der Frage, was so ein Arbeitskreis macht und ob wir ihn brauchen, hat Frau Kristin Rose-Möhring Anfang März gewissermaßen Geschichte geschrieben. Sprachgeschichte. Anlässlich des Frauentages forderte sie eine Änderung des Textes der deutschen Nationalhymne. Aus „Vaterland“ soll „Heimatland“ werden, die Zeile „brüderlich mit Herz und Hand“ soll geändert werden in „couragiert mit Herz und Hand“.
Meine erste Reaktion darauf war die Frage: Geht’s noch?
Wie sehr muss man eigentlich seine Muttersprache verachten, um das Vaterland abschaffen zu wollen?
Dabei ist Frau Rose-Möhring (für mich nur noch „die unsägliche Frau Rose-Möhring“) nur eine von vielen, die sich, vor allen Dingen in politiknahen Behördenkreisen oder in dem derzeit überschäumenden Feminismus, der der Sache der Frauen mehr schadet als nützt, anschicken, die Sprache einer furchtbaren Talibanisierung unterziehen zu wollen.
Bei dieser Talibanisierung sehe ich drei Erscheinungsformen: „Vaterland und Muttersprache“ weiterlesen

Philip Roth ist tot

Philip Roth
Philip Roth (1933-2018). Foto: Eric Thayer

Philip Roth ist tot.
Der US-amerikanische Schriftsteller galt als skandalumwittert und mindestens die letzten 15 Jahre als Dauerkandidat für den Literaturnobelpreis. Doch nicht das wird von ihm bleiben. Bleiben werden die großartigen Romane und Erzählungen, in denen das Leben der amerikanischen Mittelschicht verhandelt wird.
Wer „Der menschliche Makel“ (2000) gelesen hat, der kennt die wichtigsten Antworten auf die Fragen nach dem Rassismus, dem Judentum, der Liebe. Wie der geschasste Professor Coleman Silk mit der Beziehung zu der aus prekären Verhältnissen stammenden Faunia umgeht, ist in seiner Menschlichkeit und Natürlichkeit zutiefst anrührend. Die Geschichte wird übrigens von Nathan Zuckerman erzählt, Roths Protagonisten aus der sogenannten Zuckerman-Trilogie.
Eine Geschichte, die genau so berührend ist wie Philip Roths Abschied vom Schreiben. In seinem „letzten Interview“ (2012) sagte er:
„Ich kann keine Tage mehr ertragen, an denen ich fünf Seiten schreibe und sie dann wieder wegschmeiße. Es geht einfach nicht mehr. Ich weiß, ich werde nicht mehr so gut schreiben können, wie ich das mal getan habe. Ich habe nicht mehr das Durchhaltevermögen, die Frustration auszuhalten. Schreiben ist Frustration – tägliche Frustration, von der Demütigung mal ganz abgesehen.“
Ach, Philip Roth, du wirst fehlen. Auch mir. Zum Glück bleiben deine Worte.

Die letzte Liebe

Was der Schreiber so liest (20)

Max Frisch: Montauk (1975

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Max Frisch: Montauk. Suhrkamp 1978

Wer aus meiner Generation Max Frisch schon als Kind gelesen hat, der outet sich als westsozialisiert. Dort hat der Schweizer, den ich lange Zeit für einen Dramatiker gehalten habe, längst den Weg in den literarischen Schulkanon gefunden. Ich bin viel später auf den Mann aus dem kleinbürgerlichen Milieu gestoßen, der dann doch so ein abwechslungs- und erfolgreiches Leben führte.
Mit „Montauk“ griff ich mir ein Stück aus dem Spätwerk. Das von dem ich wusste, dass es am meisten autobiografisch eingefärbt ist. Denn genau darum ging es mir: Was geschah wirklich an diesem Wochenende auf Long Island, das Frisch 1974 mit der 32 Jahre jüngeren Alice Locke-Carey verbrachte? „Die letzte Liebe“ weiterlesen

Der Gaukler auf dem Seil

Was der Schreiber so liest (19)

Daniel Kehlmann: Tyll (2017)

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Daniel Kehlmann: Tyll. Rowohlt 2017

Ich sage das ganz selten, aus guten Gründen. Aber Daniel Kehlmanns jüngster Roman ist ein Buch, das mich von den Füßen reißt, das mich weghaut, das mich verzweifeln lässt, weil man nach einer solchen Lektüre das Schreiben aufgeben möchte. Schon „Die Vermessung der Welt“ (2005) war so ein Buch. „Ruhm“ (2009) knüpfte mit der brillianten Verflechtung von Figuren in ganz unterschiedlichen Geschichten an, wohingegen ich mit „F“ (2013) zugegebenermaßen nichts anfangen konnte.
Nun also Tyll.
„Der Gaukler auf dem Seil“ weiterlesen

Lebenspralle Menschenstudien

Was der Schreiber so liest (18)

Henry Miller: Stille Tage in Clichy (1956)

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Henry Miller: Stille Tage in Clichy. Rowohlt 1983

Nimmt man den Begriff wörtlich als „Hurenmalerei“, dann hat Henry Miller mit „Stille Tage in Clichy“ tatsächlich Pornografie geschrieben. Millers Sohn Tony hört das nicht gern. „Man muss schon sehr verklemmt und böswillig sein, will man in diesem Buch, in dem Miller sein Leben in Clichy beschreibt, Obszönität oder irgend etwas Unrechtes entdecken“, schreibt er. Mich interessierte, wie Miller vor dem Hintergrund eines aktuell überbordenden und sich selbst schadenden Feminismus auf mich wirkt.
Es ist nur ein dünnes Heftchen, das der Rowohlt-Verlag derzeit anbietet. Gerade mal 138 Seiten im Taschenbuch-Format, in denen die Titelgeschichte (81 Seiten) und das dazugehörige Romanfragment „Mara Mignon“ versammelt sind. Ich hatte es aus meiner Jugend umfangreicher in Erinnerung. „Lebenspralle Menschenstudien“ weiterlesen

Ich bin wieder hier!

Willkommen auf meiner neuen Internetpräsenz!

Ein paar Wochen lang war der Link zu meiner Schreibstube tot, nach einer Systemumstellung bin ich nun wieder online – und zwar mit einem völlig umgeräumten Webauftritt.
Ist er auch aufgeräumt? Gefällt er Dir/Ihnen? Ich freue mich auf die ersten Kommentare und verspreche schon jetzt: In diesem Jahr wird es eine Menge Neuigkeiten geben.

Herzlichst
Klaus Jäger
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Aus Alissa wird Ali wird Anton

Was der Schreiber so liest (17)

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich
Schon seit Erscheinen hatte ich „Außer sich“ auf meiner Favoritenliste. Das Buch wurde von der Kritik ausgezeichnet aufgenommen und es landete auf der Short-List für den Deutschen Buchpreis 2017. Zudem mag ich, seit ich sie in einer Folge der „Kulturzeit“ gesehen habe, das Temperament und die Kraft, die von der Salzmann ausgehen. Ich war neugierig auf die Geschichte, die sie zu erzählen hat.
Und schon nach den ersten 30 Seiten war ich mehr verstört als begeistert. Wo bleibt sie nun, die Geschichte, fragte ich mich. Die angeblich so wortgewaltige Sprache, nun ja, wer auf lange und atemlose Sätze steht, die man zwei Mal lesen muss und manchmal dennoch keine Handlung entdeckt … Eine Geschichte erzählt Sasha Marianna Salzmann bis zum Ende nicht, es sind viele Geschichten, die „Aus Alissa wird Ali wird Anton“ weiterlesen

Der erste Polizeicomputer

Was der Schreiber so liest (16)

Wolfgang Held, Mord in der Distel-Bar (1968, neu 2011)
Der Verleger Michael Kirchschlager drückte mir Ende vergangenen Jahres Wolfgang Helds „Mord in der Distel-Bar“ in die Hand. Es wurde 1968 unter dem Titel „Der letzte Zeuge“ veröffentlicht. Erst 2011 grub Kirchschlager das Buch wieder aus und ließ es als Band 1 der Reihe „Tatort Thüringen“ neu drucken. Doch ebenso wie 1968 blieb es auch 2011 bei einer Auflage – Kirchschlager stellte die Reihe alsbald wieder ein.
Mit „Mord in der Distel-Bar“ verarbeitete Wolfgang Held (1930-2014) einen realen Kriminalfall, der sich 1964 in Weimar ereignete, und bei dem Held als Gerichtsreporter der Zeitung „Das Volk“ ziemlich dicht dran war. In der „Distel-Bar“, einem Bierausschank in einer Weimarer Gartenanlage, wird eine Frau mit einem Hirschfänger ermordet, und dabei übel „Der erste Polizeicomputer“ weiterlesen

Den Wolf herbeigeschrieben

Was der Schreiber so liest (15)

Antje Babendererde: Isegrim

Isegrim
Antje Babendererde: Isegrim. Arena Verlag 2013

Ich habe keine Ahnung, wann ich das letzte Mal ein Jugendbuch gelesen habe. Doch weil mir Antje Babendererde versichert, „Isegrim“ sei für Erwachsene ebenso geeignet wie für Jugendliche, lasse ich mich auf das Experiment ein.
„Isegrim“ interessiert mich vor allem als Wolfs-Geschichte. Ein Thema, das gerade für Thüringen hochaktuell ist. Und so staune ich über alle Maßen, dass Antje Babendererde das Auftauchen des Wolfes auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Ohrdruf bereits vor fünf Jahren bis ins Detail vorwegnahm. Eine Bestätigung für diejenigen, die schon immer sagten, es sei keine Frage ob, sondern wann der Wolf in Thüringen auftauche. „Den Wolf herbeigeschrieben“ weiterlesen