Der Gaukler auf dem Seil

Was der Schreiber so liest (19)

Daniel Kehlmann: Tyll (2017)

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Daniel Kehlmann: Tyll. Rowohlt 2017

Ich sage das ganz selten, aus guten Gründen. Aber Daniel Kehlmanns jüngster Roman ist ein Buch, das mich von den Füßen reißt, das mich weghaut, das mich verzweifeln lässt, weil man nach einer solchen Lektüre das Schreiben aufgeben möchte. Schon „Die Vermessung der Welt“ (2005) war so ein Buch. „Ruhm“ (2009) knüpfte mit der brillianten Verflechtung von Figuren in ganz unterschiedlichen Geschichten an, wohingegen ich mit „F“ (2013) zugegebenermaßen nichts anfangen konnte.
Nun also Tyll.
„Der Gaukler auf dem Seil“ weiterlesen

Lebenspralle Menschenstudien

Was der Schreiber so liest (18)

Henry Miller: Stille Tage in Clichy (1956)

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Henry Miller: Stille Tage in Clichy. Rowohlt 1983

Nimmt man den Begriff wörtlich als „Hurenmalerei“, dann hat Henry Miller mit „Stille Tage in Clichy“ tatsächlich Pornografie geschrieben. Millers Sohn Tony hört das nicht gern. „Man muss schon sehr verklemmt und böswillig sein, will man in diesem Buch, in dem Miller sein Leben in Clichy beschreibt, Obszönität oder irgend etwas Unrechtes entdecken“, schreibt er. Mich interessierte, wie Miller vor dem Hintergrund eines aktuell überbordenden und sich selbst schadenden Feminismus auf mich wirkt.
Es ist nur ein dünnes Heftchen, das der Rowohlt-Verlag derzeit anbietet. Gerade mal 138 Seiten im Taschenbuch-Format, in denen die Titelgeschichte (81 Seiten) und das dazugehörige Romanfragment „Mara Mignon“ versammelt sind. Ich hatte es aus meiner Jugend umfangreicher in Erinnerung. „Lebenspralle Menschenstudien“ weiterlesen

Ich bin wieder hier!

Willkommen auf meiner neuen Internetpräsenz!

Ein paar Wochen lang war der Link zu meiner Schreibstube tot, nach einer Systemumstellung bin ich nun wieder online – und zwar mit einem völlig umgeräumten Webauftritt.
Ist er auch aufgeräumt? Gefällt er Dir/Ihnen? Ich freue mich auf die ersten Kommentare und verspreche schon jetzt: In diesem Jahr wird es eine Menge Neuigkeiten geben.

Herzlichst
Klaus Jäger
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Aus Alissa wird Ali wird Anton

Was der Schreiber so liest (17)

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich
Schon seit Erscheinen hatte ich „Außer sich“ auf meiner Favoritenliste. Das Buch wurde von der Kritik ausgezeichnet aufgenommen und es landete auf der Short-List für den Deutschen Buchpreis 2017. Zudem mag ich, seit ich sie in einer Folge der „Kulturzeit“ gesehen habe, das Temperament und die Kraft, die von der Salzmann ausgehen. Ich war neugierig auf die Geschichte, die sie zu erzählen hat.
Und schon nach den ersten 30 Seiten war ich mehr verstört als begeistert. Wo bleibt sie nun, die Geschichte, fragte ich mich. Die angeblich so wortgewaltige Sprache, nun ja, wer auf lange und atemlose Sätze steht, die man zwei Mal lesen muss und manchmal dennoch keine Handlung entdeckt … Eine Geschichte erzählt Sasha Marianna Salzmann bis zum Ende nicht, es sind viele Geschichten, die „Aus Alissa wird Ali wird Anton“ weiterlesen

Der erste Polizeicomputer

Was der Schreiber so liest (16)

Wolfgang Held, Mord in der Distel-Bar (1968, neu 2011)
Der Verleger Michael Kirchschlager drückte mir Ende vergangenen Jahres Wolfgang Helds „Mord in der Distel-Bar“ in die Hand. Es wurde 1968 unter dem Titel „Der letzte Zeuge“ veröffentlicht. Erst 2011 grub Kirchschlager das Buch wieder aus und ließ es als Band 1 der Reihe „Tatort Thüringen“ neu drucken. Doch ebenso wie 1968 blieb es auch 2011 bei einer Auflage – Kirchschlager stellte die Reihe alsbald wieder ein.
Mit „Mord in der Distel-Bar“ verarbeitete Wolfgang Held (1930-2014) einen realen Kriminalfall, der sich 1964 in Weimar ereignete, und bei dem Held als Gerichtsreporter der Zeitung „Das Volk“ ziemlich dicht dran war. In der „Distel-Bar“, einem Bierausschank in einer Weimarer Gartenanlage, wird eine Frau mit einem Hirschfänger ermordet, und dabei übel „Der erste Polizeicomputer“ weiterlesen

Den Wolf herbeigeschrieben

Was der Schreiber so liest (15)

Antje Babendererde: Isegrim

Isegrim
Antje Babendererde: Isegrim. Arena Verlag 2013

Ich habe keine Ahnung, wann ich das letzte Mal ein Jugendbuch gelesen habe. Doch weil mir Antje Babendererde versichert, „Isegrim“ sei für Erwachsene ebenso geeignet wie für Jugendliche, lasse ich mich auf das Experiment ein.
„Isegrim“ interessiert mich vor allem als Wolfs-Geschichte. Ein Thema, das gerade für Thüringen hochaktuell ist. Und so staune ich über alle Maßen, dass Antje Babendererde das Auftauchen des Wolfes auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Ohrdruf bereits vor fünf Jahren bis ins Detail vorwegnahm. Eine Bestätigung für diejenigen, die schon immer sagten, es sei keine Frage ob, sondern wann der Wolf in Thüringen auftauche. „Den Wolf herbeigeschrieben“ weiterlesen

Ist die Welt ohne Männer besser?

Was der Schreiber so liest (14)

Stephen King: Sleeping Beauties (2017)

King Beauties
Stephen King: Sleeping Beauties
Heyne Verlag 2017

Pünktlich im Herbst – in diesem Jahr sogar pünktlich zu des Meisters 70. Geburtstag – bringt der Heyne-Verlag den jeweils aktuellen Roman von Stephen King auf den Markt. In diesem Jahr waren es die „Sleeping Beauties“. Ein Buch, das erstmals Kings Sohn Owen als Co-Autor benennt. Allein das erweckt schon Neugier.
„Sleeping Beauties“ fesselte mich relativ schnell. Ein außergewöhnliches Setting, nämlich ein Frauengefängnis, sowie die gewohnte Personage einer typischen amerikanischen Kleinstadt im Nirgendwo ließen mich in der Lektüre schnell wohlfühlten. So verschlang ich den fast 960 Seiten starken Wälzer im King-Tempo und stellte fest: „Ist die Welt ohne Männer besser?“ weiterlesen

Das Dilemma des Regionalkrimis

Was der Schreiber so liest (13)

Jörg Maurer: Der Tod greift nicht daneben

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Jörg Maurer: Der Tod greift nicht daneben. Scherz 2015

In einem Kurort, einem bayerischen zudem, in dem Zugereiste bis ans Lebensende Fremde bleiben, in dem höchstens deren dort geborene Kinder eine Chance haben, als Einheimische zu gelten, assimiliert sich ausgerechnet ein Schwede innerhalb von fünf Jahren so, dass „kaum jemand wusste“, wer und was sie früher waren. Warum macht der Jörg Maurer das? Weil er einen Regionalkrimi schreiben will, weil er den an sich tollen Plot, der wohl am besten in Schweden angesiedelt wäre, unbedingt auf seinen bayerischen Kommissar Jennerwein aufpfropfen muss! Ob das gelingt? „Das Dilemma des Regionalkrimis“ weiterlesen