Im Rausch der Gewalt

Was der Schreiber so liest (27)

Joyce Carol Oates: Pik Bube (2015)

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Joyce Carol Oates: Pik Bube. Droemer 2018

Im Zeitalter lesbarer Briketts ist es eher ein schmales Bändchen, das Joyce Carol Oates mit dem Psycho-Thriller „Pik Bube“ vorlegt. Darin führt der Protagonist, der berühmte und erfolgreiche Kriminalschriftsteller Andrew Rush (der im Buch von der Kritik als „des Bildungsbürgers Stepen King“ klassifiziert wird) ein nur scheinbar harmloses Doppelleben. Nachts schreibt er unter dem Pseudonym „Pik Bube“ bluttriefende Gewaltfantasien. Nicht einmal seine Familie, geschweige denn sein Verlag oder die Öffentlichkeit wissen, wer sich hinter dem Namen Pik Bube verbirgt. Indes: Pik Bube ergreift mehr und mehr Besitz von Andrew Rush, steuert zunächst nur sein Denken … und das Unheil nimmt seinen Lauf.
Auslöser ist die Klage einer geistesgestörten Frau, die Rush des Plagiats und des Diebstahls bezichtigt. „Im Rausch der Gewalt“ weiterlesen

Warmherzig und betulich – Queen Agatha

Was der Schreiber so liest (26)

Agatha Christie – Die Autobiographie (1950-1965)

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Agatha Christie: Die Autobiographie. Hofmann und Campe, 2017.

Die Autobiografie von Agatha Christie ist anders als andere Autobiografien. Das beginnt mit der Einordnung der Handlungszeit. Ihre Kapitel tragen Überschriften wie „Eine glückliche Kindheit“, „Spiel und Ernst“, „Rund um die Welt“ oder „Die Härten des Lebens“. Das Buch ist zwar chronologisch aufgebaut. Aber eine Jahreszahl oder eine Datumsangabe findet sich äußerst selten. Nur an historischen Ereignissen wie dem Ersten Weltkrieg kann man die Handlungszeit festmachen. Es erstaunt auch, dass Agatha Christie ihr Schriftstellerleben nur relativ kurz behandelt. Dabei erfährt man zwar alles Wichtige, aber ihre erste Kurzgeschichte, die „an einem unfreundlichen Wintertag“ entstand, Christie muss damals noch ein Teenager gewesen sein, taucht erst auf Seite 213 auf, Poirot wird auf Seite 305 erfunden und „Warmherzig und betulich – Queen Agatha“ weiterlesen

Tod mit Ansage

Was der Schreiber so liest (25)

Sabine Schulze Gronover: Todgeweiht im Münsterland (2012)

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Sabine Schulze Gronover: Todgeweiht im Münsterland. Emons Verlag Köln, 2012

Stellen Sie sich vor, Sie liegen entspannt am Strand der Ostsee und Ihnen begegnet eine interessante, leichtfüßige Frau, die Ihnen wie beiläufig sagt, Sie hätten nur noch fünf Tage zu leben, bevor Sie buchstäblich spurlos verschwindet. Der Schock wäre nachvollziehbar.
In genau diese Situation wirft die Autorin Sabine Schulze Gronover ihren Protagonisten Michael Schubert in ihrem Kriminalroman „Todgeweiht im Münsterland“. Der Held ist Cheflektor, und ausgerechnet der von ihm beförderte Roman um eine Familientragödie löst eine ganze Reihe neuer Verbrechen aus. Dabei wollte sich Schubert noch ein paar schöne letzte Tage machen und nun ist er mittendrin und buchstäblich vom Tod umgeben. „Tod mit Ansage“ weiterlesen

Hinunter bis in die Hölle

Was der Schreiber so liest (24)

Stephen King: Der Outsider (2018)

Stephen King: Der Outsider. Heyne Verlag München, 2018

Pünktlich im Herbst beschenkt uns der Meister des Grauens. Zwischendurch spuckt er noch ein paar kleinere Spukgeschichten aus, sodass die Fans von Stephen King immer wieder etwas zu lesen haben.
Das 2018er Werk heißt „Der Outsider.“ Stephen King erzählt darin die Geschichte eines schrecklichen Kindsmordes. Augenzeugenberichte und die Spurenlage weisen auf den bislang unbescholtenen Baseballtrainer Terry Maitland. Der indes hat ein einwandfreies Alibi, was sich erst nach seiner Verhaftung zeigt. Mehr noch: Je tiefer die Ermittler um Ralph Anderson graben, umso mehr Ungereimtheiten treten zu Tage. Dumm nur, dass der Verdächtige auf den Stufen des Gerichts vom Bruder des Opfers erschossen wird.
Es ist einer der Schwachpunkte des „Outsiders“, dass der Übergang von einem packenden Thriller in eine übernatürliche Geschichte diesmal nicht fließend geschieht, „Hinunter bis in die Hölle“ weiterlesen

Apfelnuss und Mandelkern

Eine kleine Weihnachtsgeschichte von Klaus Jäger

Spielzeugladen
Elke und Thomas Parpart in ihrem Spielzeugladen. Foto: Klaus Jäger

Weihnachtszeit, schönste Zeit … Meine Wege führten mich gestern zum Spielzeughändler meines Vertrauens. Ich hatte ihn lange nicht gesehen. Nicht nur, weil die Enkel immer größer werden und es sie eher in Elektronikmärkte als in Spielzeugläden zieht. Es ist bedauerlicherweise auch so, dass sie und ihre Eltern es sich mit dem Wünschen von Jahr zu Jahr einfacher machen: Ein Gutschein rangiert bei ihnen ganz weit oben, ersatzweise tut es auch Bargeld.
Das gefällt Großeltern nicht, ist sich auch der Spielzeughändler sicher. „Omas wollen Geschenke machen, wollen die Augen der Enkel leuchten sehen“, weiß er aus Erfahrung. Nun, gestern wollte ich nicht stöbern, sondern gezielt kaufen.
„Habt Ihr Beyblades?“, fragte ich vage. Meine Schüchternheit in dieser Frage erklärt sich aus dem Umstand, „Apfelnuss und Mandelkern“ weiterlesen

Ein Jäger in der Bücher-Bar

Arbeitszimmer
Der Jäger im Winterkleid. (Foto: kj, 2016)

Lässt sich ein Krimi-Autor so einfach Krimi-Autor nennen?
Was haben Indianergeschichten mit Kriminalromanen zu tun?
Darf man echte Menschen als Blaupausen für Romanfiguren nehmen?
Liefert eine Thüringer Kleinstadt genügend Stoff für eine Krimi-Reihe?
Ist es legitim, als Autor andere Bücher zu rezensieren?
Muss man Angeln können, um gerne Fisch zu kochen?
Eine lange Plauderei im Studio von Radio F.R.E.I (Freier Rundfunk Erfurt International) zwischen Radiomacher Richard Schaefer und mir lieferte ersterem das Material für eine neue Folge der Sendung Bücher-Bar, die am 18. November ausgestrahlt wurde.
Herzlichen Dank an Richard Schaefer und Radio F.R.E.I. für die Gelegenheit, meine Gedanken zu den Themen Lesen und Schreiben zu äußern.

Wer den Termin verpasst hat, kann hier noch einmal nachhören.

Die dazwischen eingespielten Musiktitel wurden aus verwertungsrechtlichen Gründen herausgeschnitten.
Eine Tasse Tee oder ein Glas Rotwein sind zum Ertragen nicht zwingend erforderlich, können aber den Genuss befördern – immerhin dauert das Gespräch 42 Minuten. Hilfreich ist auch einer meiner Krimis in Reichweite, damit man danach direkt weiterlesen kann.

Verführung in Flussnähe

Was der Schreiber so liest (23)

Ulf und Juliane Annel: 111 Orte an der Unstrut, die man gesehen haben muss (2018)

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Ulf und Juliane Annel: 111 Orte an der Unstrut, die man gesehen haben muss. Emons Verlag Köln, 2018

Mit „111 Orte an der Unstrut, die man gesehen haben muss“, fügt der Emons Verlag Köln seiner mehr als 300 Bücher umfassenden 111-Orte-Reihe einen weiteren Band hinzu, den neunten, der sich mit Zielen in Thüringen befasst. Ulf Annel hat ihn geschrieben, Tochter Juliane Annel die stimmigen Fotos beigesteuert. Für das Duo kein unbekanntes Terrain, sie verfassten für die Reihe schon beide Erfurt-Bände, den über Weimar und den über die Thüringer Museen.
Mit einer Liebeserklärung beginnt Ulf Annel schon das Vorwort.  Die Unstrut, so schreibt er, bildet „eine Flusslandschaft, die in ihrer sanften Schönheit ihresgleichen sucht.“ Er wählt für seinen Reiseführer einen geografischen Ansatz: Wer mag, der kann den Annels folgen „Verführung in Flussnähe“ weiterlesen

Nur ein kleiner Schritt

WriterDraußen vor dem Fenster liegen graublaue Wolken bleiern auf das Land. Die Krähen lassen sich ausgelassen vom Wind durch die Luft wirbeln, einem Wind, der ungestüm die Blätter von den Bäumen reißt. Auch den Sonnenscheinchen unter uns wird klar: Das war es jetzt mit den schönen Spätsommertagen. Ich sitze in meiner warmen Schreibstube, umgeben von Büchern und Papieren, einen dampfenden Pott Tee vor mir, und muss mich erst an den Gedanken gewöhnen, dass „Nur ein kleiner Schritt“ weiterlesen

Grüße von Skripal

Was der Schreiber so liest (22)

Frederick Forsyth: Das vierte Protokoll (1984)

Das vierte Protokoll
Frederick Forsyth: Das vierte Protokoll. Cover der Taschenbuchausgabe von Piper 2013

Es waren nur wenige Klassiker der Unterhaltungsliteratur, die ich aus dem dazugehörigen Regal meines Vaters in meine kleine Bibliothek rettete. Mario Puzos „Der vierte K.“ gehörte ebenso dazu wie Frederick Forsyths „Das vierte Protokoll“ – die auffällige Zahl war dabei wirklich Zufall. Von Forsyth kannte ich bereits jüngere Titel, wie „Der Rächer“ oder „Der Afghane“.
Auch das „Protokoll“ erwies sich als spannender Agenten-Thriller, wenngleich er erwartungsgemäß alle Klischees des Genres bedient. Vom Leser wird ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit verlangt; nicht nur, um bei der Vielzahl der britischen Sicherheitsbehörden den Durchblick zu behalten, sondern vor allem, weil Forsyth ein dichtes Netz miteinander verwobener Handlungsstränge bei einer großen Personage knüpft. „Grüße von Skripal“ weiterlesen

Blick in die Werkstatt

Manuskripte
Ein Blick in die Schreibstube.

Andere Schriftsteller haben damit offenbar kein Problem. Die Großen tun es mit Souveränität, die Kleinen, weil sie manchmal zu wenig Geduld bei der Suche nach einem Verlag aufbringen. Beim eher elitären Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt ist es sogar Pflicht – das Lesen aus unveröffentlichten Manuskripten.
Ich habe mich bislang davor gescheut. Mir war es lieber, Texte erst dann vorzutragen, wenn sie schon zwischen zwei Buchdeckeln erschienen sind. Oder, wenn sie eigens für die Lesung entstanden sind, wie beispielsweise meine Geschichten für das Kunsthaus der Apolda Avantgarde.
Die diesjährige Manuskriptwanderung des Schriftstellerverbandes in Thüringen lieferte mir den Anlass, es auch einmal auf diesem Wege zu versuchen. Ich rede mir dabei tapfer ein, dass die Lesung so etwas wie ein „Tag der offenen Schreibstube“ wird. Ich lasse die Öffentlichkeit Einblick in meine Werkstatt nehmen.
Am 31. August ab 19 Uhr werde ich im Bürgerhaus „Thüringer Wald“ nebst Bibliothek in Georgenthal aus meinem neuen Roman lesen, der den Arbeitstitel „Zum Beispiel Laurenz“ trägt. In dem Roman geht es um den langjährigen Italien-Korrespondenten einer süddeutschen Tageszeitung, der plötzlich und scheinbar unbegründet von seinem Posten abberufen wird. Ihm stellt sich die Frage, was er eigentlich aus seinem Leben gemacht hat. Auf einer letzten Reise durch Italien begegnet er noch einmal der Liebe – und bricht mit seinem Beruf.
Wie gesagt, es ist ein Einblick in die Werkstatt, erwartet also nicht zu viel. Die Manuskriptstelle, aus der ich lesen will, muss ich mir erst noch heraussuchen. Das hängt auch davon ab, wie viel Zeit mir bleibt, denn ich stehe bzw. sitze nicht allein auf der Bühne. Zur öffentlichen Lesung anlässlich der alljährlichen Manuskriptwanderung des Schriftstellerverbandes lesen ebenfalls Antje Babendererde, Sieglinde Mörtel und Olaf Trunschke.
Lust, uns zu hören? Laut Bibliothek sind noch ein paar Plätze frei.