Ob Mussolini noch lebt?

Was der Schreiber so liest (5)

Umberto Eco: Die Nullnummer (2015)

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Umberto Eco: Nullnummer. Hanser Verlag, 2015

Meine erste »Begegnung« mit Umberto Eco rührt aus dem Herbst 1988. »Der Name der Rose« war auch in der DDR in aller Munde. Nota bene: Die entsprechende Eintragung in der Online-Enzyklopädie Wikipedia, dass der Verlag Volk und Welt die von Burkhart Kroeber für Hanser übersetzte Ausgabe 1989 nachdruckte, ist falsch. Die von mir im September 1988 gekaufte Ausgabe war bereits die dritte Vok-und-Welt-Ausgabe. Aber egal. Kurz: Ich war begeistert, und verfolgte die Ermittlungen des Paters William von Baskerville geradezu fieberhaft. Im Wendejahr 1990, inzwischen wusste ich ein wenig mehr von Eco, kaufte ich mir »Das Foucaultsche Pendel« – diesmal gleich in der Erstausgabe. Doch was für eine Enttäuschung: Statt mittelalterlicher Verbrecherjagd eine verwirrende Verknüpfung von Verschwörungstheorien, die mir einfach zu viel Gelehrsamkeit enthielt, wo ich nach Unterhaltung verlangte. Ich wandte mich von Eco ab, und wurde erst wieder auf ihn aufmerksam, als die »Nullnummer« erschien. „Ob Mussolini noch lebt?“ weiterlesen

Ermittler wider Willen

Was der Schreiber so liest (4)

Sabine Schulze Gronover: Die Flucht der blauen Pferde (2015)

Sabine Schulze Gronover: Die Flucht der blauen Pferde. Emons Verlag Köln, 2015

Ermittler wider Willen sind beliebte Protagonisten in der Kriminalliteratur. Mit Konstantin Neumann, einem Ex-Häftling, der nach verbüßter Strafe sein Leben neu ordnen will, hat Sabine Schulze Gronover einen geschaffen, bei dem es schwer fällt, Sympathien zu gewinnen. Vorurteile? Klischees? Mag sein. Der Spannungsfaden, den die Autorin spinnt, lässt einen dennoch nicht los. Er beginnt bei einer Frauenleiche, die man ausgerechnet in Neumanns Hausflur ablegt, und führt dann in die Kunstszene. Naziraubkunst, Fälscher, ein längst verschollen geglaubter Franz Marc und ein alter Freund aus dem Knast, der in einem luxuriösen Hotelzimmer seinem Krebstod entgegensieht und auch bis zum Hals in der Fälscherszene steckt, sind die Zutaten, aus denen Schulze Gronover einen Krimi zusammenbraut, der lange nachschmeckt. „Ermittler wider Willen“ weiterlesen

Ein Koffer voller Notizen

Was der Schreiber so liest (3)

Stephen King: Finderlohn (2015)

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Stephen King: Finderlohn. Heyne Verlag 2015

Rund 2000 Wörter schreibt Stephen King täglich. Ein Pensum, das seinen Fans Jahr für Jahr einen dicken Wälzer beschert und ihm den Ruf eines oberflächlichen Vielschreibers eingebracht hat. Zu Unrecht – wer nachrechnet, stellt fest, dass ihm genügend Zeit für Überarbeitungen bleibt.
In diesem Herbst liegt »Finderlohn« in den Buchläden. Damit knüpft er unmittelbar an »Mr. Mercedes« (2014) an, ohne den Roman fortzuschreiben. Der begnadete Schriftsteller John Rothstein wird von einem psychopathischen Fan ermordet, der vor allem an den Notizbüchern Rothsteins interessiert ist, in denen dieser seine Romantrilogie fortschrieb. Die Bücher versteckte der Mörder gut, aber dann „Ein Koffer voller Notizen“ weiterlesen

Kennst du einen, kennst du alle

Was der Schreiber so liest (2)

John Grisham: Die Erbin (2014)

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John Grisham: Die Erbin. Heyne 2014

Kennst du einen, kennst du alle. Wer bei Edgar Wallace der Täter ist, weiß man ja: Ein Sonderling, der irgendwann im Verlaufe des Buches auftaucht und behauptet, lange Jahre in Übersee gearbeitet zu haben. In Wahrheit war er ein »Zuchthäusler«. Einmal Verbrecher, immer Verbrecher.
So ähnlich ist das auch bei John Grisham, dachte ich. Wer »Jury«, »Firma« und »Akte« gelesen hat, kennt alles, was Grisham zu bieten hat. Dabei habe ich dann doch noch mehr Titel gelesen, bis ich ihn über hatte. Doch dann kam Denis Scheck, lobte »Die Erbin« über den grünen Klee (»hat große Klasse«) und machte mich neugierig. „Kennst du einen, kennst du alle“ weiterlesen