Widerfahrnis auch für den Leser

Was der Schreiber so liest (8)

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis (2016)

Cover_Widerfahrnis
Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Frankfurter Verlagsanstalt, 2016

Ein Roman ist ein erzählendes Werk mit mehr als 200 Seiten. Das war die einzige Romandefinition, die Kritikerlegende Marcel Reich-Ranicki gelten lassen wollte. Nicht nur unter diesem Maßstab ist er wohl mehr als berechtigt, der eigentlich nur für Romane vorgesehene Deutsche Buchpreis 2016 für Bodo Kirchhoffs neues Werk „Widerfahrnis“. Denn es handelt sich formal genommen um eine Novelle, eine „unerhörte Begebenheit“. Und wie ein Literaturkritiker noch am Montagabend aus jurynahen Kreisen kolportierte, waren es Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ und Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“, um die zuletzt noch gestritten wurde. Ein autobiografisches Werk und eine Novelle. Wie gut, dass es keine Regeln ohne Ausnahme gibt – das hätte auch Reich-Ranicki gut gefallen.
Unerhört ist schon der Titel.
Bodo Kirchhoff selbst räumte ein, das Wort „Widerfahrnis“ vor fünf Jahren das erste Mal gehört zu haben. Und hat es sich sofort angeeignet. Kirchhoff: „Es ist ein wunderbares Gefühl, Inhaber eines so machtvollen Wortes zu sein.“ Nur eine Geschichte für den Titel, die hat er erst später gefunden. Auch wenn sich der Titel nicht jedem sofort erschließt, ahnt der Leser wohl schon: Hier widerfährt jemandem etwas.
Der Band ist für Kirchhoffsche Verhältnisse schmal geraten – die Vorgänger „Verlangen und Melancholie“ sowie „Die Liebe in groben Zügen“ nehmen sich gegenüber den 224 Seiten von „Widerfahrnis“ wie lesbare Briketts aus.
In der Tat ist es so eine unerhörte Begebenheit, die Reither und Palm, den beiden Protagonisten der Geschichte, widerfährt. Der alternde Verleger, der seinen Verlag aufgegeben hat, weil es immer weniger Leute gibt, die lesen, trifft auf die ältere Hutladen-Inhaberin, die ihren Laden aufgegeben hat, weil es immer weniger Leute gibt, die Hüte tragen. Beide setzen sich in einer kalten Aprilnacht in ihr Cabrio und fahren gen Süden. Wenig Worte braucht es dafür, aber viel Einverständnis. Bei den sparsamen Dialogen verzichtet Kirchhoff auf die Gänsefüßchen, eins ergibt das andere, wie bei der Reise der beiden, beinahe eine Flucht aus der behüteten Enge der Seniorenresidenz.
Immer weiter fahren Reither und Palm, über den Brenner, die Adria entlang und um die Stiefelspitze herum, bis sie schließlich in Sizilien landen. Aus der Besucherin wird die Begleiterin, die Mitreisende, die Gefährtin. Und aus dem Leser wird unmerklich einer, der im Sog der erzählerischen Eleganz von Bodo Kirchhoff Mühe hat, das Buch wenigstens vorübergehend zuzuklappen.
Denis Scheck hat Bodo Kirchhoff mit John Updike verglichen. Das ist, zumindest in diesem Fall, zutiefst ungerecht. Denn während Updike ein aufmerksamer Chronist des Zerfalls ist, zeichnet Kirchhoff in seiner Novelle mit feinsten Pinselstrichen das Werden einer Beziehung. Liebe und Verlust, Aufbruch und Scheitern sind die großen Themen auf dieser Reise in den Süden, der Metapher für die Sehnsucht schlechthin, und wäre es kein Kammerstück, man könnte es ein Road-Movie nennen.
Auf der Insel dann begegnet den beiden Reisenden dann beiläufig-zwangsläufig ein junges Mädchen. Über das erfährt der Leser nicht viel. Ein Flüchtlingskind scheint es zu sein. Für die Palm wird es zur Hoffnungsfigur eines möglicherweise späten Familienglücks, während er plötzlich der Wankelmütige ist – dürfen wir das; wir machen uns strafbar; was sollen wir mit dem Kind.
Sie nehmen das Mädchen mit, doch es wird keine Rückkehr in das reiche Land geben, nicht in diesem Buch; eine Wende, ebenso zwangsläufig wie die Begegnung mit dem Mädchen, gibt dem Geschehen eine andere Richtung.
Bodo Kirchhoff erzählt schnörkellos. Gerade wenn er über die großen Themen wie Liebe und Verlust schreibt, und Kirchhoff scheint pausenlos über Liebe und Verlust zu schreiben, so bleibt er fern von Rührseligkeit und Sentimentalität. Er ist kitsch-imprägniert, lobte dieser Tage Jury-Mitglied Berthold Franke.
Bodo Kirchhoff gehört zu den wenigen Vertretern der Postmoderne in der deutschen Gegenwartsliteratur, bei denen sich der literarische Erfolg längst zum wirtschaftlichen gesellt hat. So steht der Preis für ihn am vorläufigen Ende einer Reihe von Auszeichnungen.
Für den Buchhandel und die Leser indes ist er ein wichtiger Fingerzeig. So geht das kostbare Buch in der warmen Abluft des Banalen nicht verloren. Kirchhoff zu lesen ist, um im Bilde der Novelle zu bleiben, eine unerhörte Begebenheit für den Leser, ja eine wunderbare Widerfahrnis.

(aus: Thüringer Allgemeine, 22. Oktober 2016)

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