Eine Version von Wahrheit

Was der Schreiber so liest (12)

Leon de Winter: Geronimo (2016)

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Leon de Winter: Geronimo, Diogenes 2016

»Glauben Sie etwa an die offizielle Version vom Tod Osama bin Ladens?« Das hat angeblich ein ehemaliger Angehöriger der amerikanischen Eliteeinheit Seals den niederländischen Bestsellerautoren Leon de Winter in London gefragt. Und das fragt Leon de Winter seither bei jeder Lesung aus seinem Buch »Geronimo«. Denn es handelt von bin Laden und seinem Tod. Doch die Version, die uns de Winter auftischt, ist so aberwitzig, dass sie schon wieder wahr sein kann. Schon in seinen früheren Büchern erzählt uns de Winter Geschichten von Menschen, die sich am Rand der Gesellschaft befinden – wie dem Regisseur Theo van Gogh, dem er lange Zeit durch innigen Hass verbunden war, von dessen realem Tod und dessen wunderlichen Wiederauferstehung (»Ein gutes Herz«).
Was Fakt und was Fiktion ist, das ist am Ende unerheblich. Denn »Geronimo« ist ein Roman und damit per se Fiktion. Winter verhandelt in seinem jüngsten Roman elementare Fragen: Kann es sein, dass das Monster bin Laden nur böse war? Ist Menschlichkeit dort möglich, wo man nur von Unmenschlichem umgeben ist? Um sich dem Monster zu nähern, bedient sich de Winter des afghanischen Mädchens Apana. Ein Mädchen, das die Liebe zu Bach und dessen Goldberg-Variationen mit Tom, dem Protagonisten des Romans teilt, und dem deswegen von den Taliban die Ohren abgeschnitten und die Hände abgehackt werden.
So lässt man sich alsbald von de Winter an die Hand nehmen und folgt ihm willig durch die Geschichte, die mehr und mehr an Tempo gewinnt. Denn gleichzeitig mit Tom nähern sich auch die Mächtigen dieser Welt dem Geheimnis um Tod und Leben des Top-Terroristen. Geheime Dienste, deren Protagonisten nur an den Ergebnissen ihres Handelns sichtbar werden, kreisen Tom mit einer Blutspur ein. Und plötzlich sieht er sich selbst als Akteur in diesem Spiel.
Wird es ihm gelingen, Apana und ihre neue Familie in ein sicheres Land zu schleusen? Wird er die Dämonen seiner eigenen Geschichte los?
Auch bei Leon de Winters „Geronimo“ gilt: Wer wissen will, muss lesen. Ein atemloses Vergnügen ist es allemal.

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