Die Schwächen der Starken

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Francoise Gilot / Carlton Lake: Leben mit Picasso. Diogenes 1981

Was der Schreiber so liest (10)

Francoise Gilot: Leben mit Picasso (1964)

Zeigen Künstlerbiografien inzwischen den Menschen mit all seinen Widersprüchen, so dienten sie früher nur allzuoft lediglich dazu, dem Denkmal des Porträtierten einen stabilen Sockel zu bauen. Francoise Gilot machte da eine Ausnahme. Ihr 1964 erschienenes Buch „Leben mit Picasso“ hatte vielmehr einen großen Anteil daran, dem fehlbaren Genie die Maske des Charmeurs vom Gesicht zu reißen. „Die Schwächen der Starken“ weiterlesen

Fünf Sterne für Olczak

Was der Schreiber so liest (9)

Martin Olczak: Die Akademiemorde (2014)

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Martin Olczak: Die Akademiemorde. btb 2016

Ich gestehe, ich mag keine Schweden-Krimis mehr. Per Wahlöö ist schon lange tot seine Partnerin Maj Sjöwall (81) hat vor sieben Jahren das letzte Buch veröffentlicht, und seit die Literaturwelt vor gut einem Jahr auch noch Henning Mankell an den Krebs verloren hat, scheint die skandinavische Krimiliteratur nur noch aus saufenden und verzweifelten Ermittlern zu bestehen, die mit ebenso haarsträubenden wie unrealistischen Methoden Jagd auf ebenso blutrünstige wie klischeehafte Psychopathen machen. Immerhin, die Larsson-Trilogie soll sehr gut sein; hier will ich mir kein Urteil erlauben, weil ich sie nicht gelesen habe.
So ist mein Misstrauen erklärlich, als mir der Weihnachtsmann Martin Olczaks (geb. 1973) „Die Akademiemorde“ unter den Baum legte. Nun – ich habe das Buch in fünf Tagen verschlungen und bin begeistert. „Fünf Sterne für Olczak“ weiterlesen

Widerfahrnis auch für den Leser

Was der Schreiber so liest (8)

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis (2016)

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Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Frankfurter Verlagsanstalt, 2016

Ein Roman ist ein erzählendes Werk mit mehr als 200 Seiten. Das war die einzige Romandefinition, die Kritikerlegende Marcel Reich-Ranicki gelten lassen wollte. Nicht nur unter diesem Maßstab ist er wohl mehr als berechtigt, der eigentlich nur für Romane vorgesehene Deutsche Buchpreis 2016 für Bodo Kirchhoffs neues Werk „Widerfahrnis“. Denn es handelt sich formal genommen um eine Novelle, eine „unerhörte Begebenheit“. Und wie ein Literaturkritiker noch am Montagabend aus jurynahen Kreisen kolportierte, waren es Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ und Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“, um die zuletzt noch gestritten wurde. Ein autobiografisches Werk und eine Novelle. Wie gut, dass es keine Regeln ohne Ausnahme gibt – das hätte auch Reich-Ranicki gut gefallen.
Unerhört ist schon der Titel. „Widerfahrnis auch für den Leser“ weiterlesen