Verführung in Flussnähe

Was der Schreiber so liest (23)

Ulf und Juliane Annel: 111 Orte an der Unstrut, die man gesehen haben muss (2018)

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Ulf und Juliane Annel: 111 Orte an der Unstrut, die man gesehen haben muss. Emons Verlag Köln, 2018

Mit „111 Orte an der Unstrut, die man gesehen haben muss“, fügt der Emons Verlag Köln seiner mehr als 300 Bücher umfassenden 111-Orte-Reihe einen weiteren Band hinzu, den neunten, der sich mit Zielen in Thüringen befasst. Ulf Annel hat ihn geschrieben, Tochter Juliane Annel die stimmigen Fotos beigesteuert. Für das Duo kein unbekanntes Terrain, sie verfassten für die Reihe schon beide Erfurt-Bände, den über Weimar und den über die Thüringer Museen.
Mit einer Liebeserklärung beginnt Ulf Annel schon das Vorwort.  Die Unstrut, so schreibt er, bildet „eine Flusslandschaft, die in ihrer sanften Schönheit ihresgleichen sucht.“ Er wählt für seinen Reiseführer einen geografischen Ansatz: Wer mag, der kann den Annels folgen „Verführung in Flussnähe“ weiterlesen

Grüße von Skripal

Was der Schreiber so liest (22)

Frederick Forsyth: Das vierte Protokoll (1984)

Das vierte Protokoll
Frederick Forsyth: Das vierte Protokoll. Cover der Taschenbuchausgabe von Piper 2013

Es waren nur wenige Klassiker der Unterhaltungsliteratur, die ich aus dem dazugehörigen Regal meines Vaters in meine kleine Bibliothek rettete. Mario Puzos „Der vierte K.“ gehörte ebenso dazu wie Frederick Forsyths „Das vierte Protokoll“ – die auffällige Zahl war dabei wirklich Zufall. Von Forsyth kannte ich bereits jüngere Titel, wie „Der Rächer“ oder „Der Afghane“.
Auch das „Protokoll“ erwies sich als spannender Agenten-Thriller, wenngleich er erwartungsgemäß alle Klischees des Genres bedient. Vom Leser wird ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit verlangt; nicht nur, um bei der Vielzahl der britischen Sicherheitsbehörden den Durchblick zu behalten, sondern vor allem, weil Forsyth ein dichtes Netz miteinander verwobener Handlungsstränge bei einer großen Personage knüpft. „Grüße von Skripal“ weiterlesen

Mit missionarischem Eifer

 

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Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen. btb 2017

Was der Schreiber so liest (21)

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen (2015)

Je mehr ich darüber weiß, wie Bestseller gemacht werden – und sie werden gemacht, nicht geschrieben –, hege ich ein gesundes Misstrauen gegenüber Bestsellerlisten. Wenn Bestsellerlisten Bestenlisten wären, so die Faustregel, dann wäre Dieter Bohlen ein großer deutscher Literat. Die Sache hat nur einen Haken: Auf Bestsellerlisten finden sich richtig gute Bücher, verdammt gute Bücher bisweilen. Also braucht es andere Lotsen.
Bei Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ fing es ebenso mit Misstrauen an. Doch „Mit missionarischem Eifer“ weiterlesen

Die letzte Liebe

Was der Schreiber so liest (20)

Max Frisch: Montauk (1975

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Max Frisch: Montauk. Suhrkamp 1978

Wer aus meiner Generation Max Frisch schon als Kind gelesen hat, der outet sich als westsozialisiert. Dort hat der Schweizer, den ich lange Zeit für einen Dramatiker gehalten habe, längst den Weg in den literarischen Schulkanon gefunden. Ich bin viel später auf den Mann aus dem kleinbürgerlichen Milieu gestoßen, der dann doch so ein abwechslungs- und erfolgreiches Leben führte.
Mit „Montauk“ griff ich mir ein Stück aus dem Spätwerk. Das von dem ich wusste, dass es am meisten autobiografisch eingefärbt ist. Denn genau darum ging es mir: Was geschah wirklich an diesem Wochenende auf Long Island, das Frisch 1974 mit der 32 Jahre jüngeren Alice Locke-Carey verbrachte? „Die letzte Liebe“ weiterlesen

Der Gaukler auf dem Seil

Was der Schreiber so liest (19)

Daniel Kehlmann: Tyll (2017)

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Daniel Kehlmann: Tyll. Rowohlt 2017

Ich sage das ganz selten, aus guten Gründen. Aber Daniel Kehlmanns jüngster Roman ist ein Buch, das mich von den Füßen reißt, das mich weghaut, das mich verzweifeln lässt, weil man nach einer solchen Lektüre das Schreiben aufgeben möchte. Schon „Die Vermessung der Welt“ (2005) war so ein Buch. „Ruhm“ (2009) knüpfte mit der brillianten Verflechtung von Figuren in ganz unterschiedlichen Geschichten an, wohingegen ich mit „F“ (2013) zugegebenermaßen nichts anfangen konnte.
Nun also Tyll.
„Der Gaukler auf dem Seil“ weiterlesen

Lebenspralle Menschenstudien

Was der Schreiber so liest (18)

Henry Miller: Stille Tage in Clichy (1956)

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Henry Miller: Stille Tage in Clichy. Rowohlt 1983

Nimmt man den Begriff wörtlich als „Hurenmalerei“, dann hat Henry Miller mit „Stille Tage in Clichy“ tatsächlich Pornografie geschrieben. Millers Sohn Tony hört das nicht gern. „Man muss schon sehr verklemmt und böswillig sein, will man in diesem Buch, in dem Miller sein Leben in Clichy beschreibt, Obszönität oder irgend etwas Unrechtes entdecken“, schreibt er. Mich interessierte, wie Miller vor dem Hintergrund eines aktuell überbordenden und sich selbst schadenden Feminismus auf mich wirkt.
Es ist nur ein dünnes Heftchen, das der Rowohlt-Verlag derzeit anbietet. Gerade mal 138 Seiten im Taschenbuch-Format, in denen die Titelgeschichte (81 Seiten) und das dazugehörige Romanfragment „Mara Mignon“ versammelt sind. Ich hatte es aus meiner Jugend umfangreicher in Erinnerung. „Lebenspralle Menschenstudien“ weiterlesen

Aus Alissa wird Ali wird Anton

Was der Schreiber so liest (17)

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich
Schon seit Erscheinen hatte ich „Außer sich“ auf meiner Favoritenliste. Das Buch wurde von der Kritik ausgezeichnet aufgenommen und es landete auf der Short-List für den Deutschen Buchpreis 2017. Zudem mag ich, seit ich sie in einer Folge der „Kulturzeit“ gesehen habe, das Temperament und die Kraft, die von der Salzmann ausgehen. Ich war neugierig auf die Geschichte, die sie zu erzählen hat.
Und schon nach den ersten 30 Seiten war ich mehr verstört als begeistert. Wo bleibt sie nun, die Geschichte, fragte ich mich. Die angeblich so wortgewaltige Sprache, nun ja, wer auf lange und atemlose Sätze steht, die man zwei Mal lesen muss und manchmal dennoch keine Handlung entdeckt … Eine Geschichte erzählt Sasha Marianna Salzmann bis zum Ende nicht, es sind viele Geschichten, die „Aus Alissa wird Ali wird Anton“ weiterlesen

Der erste Polizeicomputer

Was der Schreiber so liest (16)

Wolfgang Held, Mord in der Distel-Bar (1968, neu 2011)
Der Verleger Michael Kirchschlager drückte mir Ende vergangenen Jahres Wolfgang Helds „Mord in der Distel-Bar“ in die Hand. Es wurde 1968 unter dem Titel „Der letzte Zeuge“ veröffentlicht. Erst 2011 grub Kirchschlager das Buch wieder aus und ließ es als Band 1 der Reihe „Tatort Thüringen“ neu drucken. Doch ebenso wie 1968 blieb es auch 2011 bei einer Auflage – Kirchschlager stellte die Reihe alsbald wieder ein.
Mit „Mord in der Distel-Bar“ verarbeitete Wolfgang Held (1930-2014) einen realen Kriminalfall, der sich 1964 in Weimar ereignete, und bei dem Held als Gerichtsreporter der Zeitung „Das Volk“ ziemlich dicht dran war. In der „Distel-Bar“, einem Bierausschank in einer Weimarer Gartenanlage, wird eine Frau mit einem Hirschfänger ermordet, und dabei übel „Der erste Polizeicomputer“ weiterlesen

Den Wolf herbeigeschrieben

Was der Schreiber so liest (15)

Antje Babendererde: Isegrim

Isegrim
Antje Babendererde: Isegrim. Arena Verlag 2013

Ich habe keine Ahnung, wann ich das letzte Mal ein Jugendbuch gelesen habe. Doch weil mir Antje Babendererde versichert, „Isegrim“ sei für Erwachsene ebenso geeignet wie für Jugendliche, lasse ich mich auf das Experiment ein.
„Isegrim“ interessiert mich vor allem als Wolfs-Geschichte. Ein Thema, das gerade für Thüringen hochaktuell ist. Und so staune ich über alle Maßen, dass Antje Babendererde das Auftauchen des Wolfes auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Ohrdruf bereits vor fünf Jahren bis ins Detail vorwegnahm. Eine Bestätigung für diejenigen, die schon immer sagten, es sei keine Frage ob, sondern wann der Wolf in Thüringen auftauche. „Den Wolf herbeigeschrieben“ weiterlesen

Ist die Welt ohne Männer besser?

Was der Schreiber so liest (14)

Stephen King: Sleeping Beauties (2017)

King Beauties
Stephen King: Sleeping Beauties
Heyne Verlag 2017

Pünktlich im Herbst – in diesem Jahr sogar pünktlich zu des Meisters 70. Geburtstag – bringt der Heyne-Verlag den jeweils aktuellen Roman von Stephen King auf den Markt. In diesem Jahr waren es die „Sleeping Beauties“. Ein Buch, das erstmals Kings Sohn Owen als Co-Autor benennt. Allein das erweckt schon Neugier.
„Sleeping Beauties“ fesselte mich relativ schnell. Ein außergewöhnliches Setting, nämlich ein Frauengefängnis, sowie die gewohnte Personage einer typischen amerikanischen Kleinstadt im Nirgendwo ließen mich in der Lektüre schnell wohlfühlten. So verschlang ich den fast 960 Seiten starken Wälzer im King-Tempo und stellte fest: „Ist die Welt ohne Männer besser?“ weiterlesen