Fünf Sterne für Olczak

Was der Schreiber so liest (9)

Martin Olczak: Die Akademiemorde (2014)

Akademiemorde
Martin Olczak: Die Akademiemorde. btb 2016

Ich gestehe, ich mag keine Schweden-Krimis mehr. Per Wahlöö ist schon lange tot seine Partnerin Maj Sjöwall (81) hat vor sieben Jahren das letzte Buch veröffentlicht, und seit die Literaturwelt vor gut einem Jahr auch noch Henning Mankell an den Krebs verloren hat, scheint die skandinavische Krimiliteratur nur noch aus saufenden und verzweifelten Ermittlern zu bestehen, die mit ebenso haarsträubenden wie unrealistischen Methoden Jagd auf ebenso blutrünstige wie klischeehafte Psychopathen machen. Immerhin, die Larsson-Trilogie soll sehr gut sein; hier will ich mir kein Urteil erlauben, weil ich sie nicht gelesen habe.
So ist mein Misstrauen erklärlich, als mir der Weihnachtsmann Martin Olczaks (geb. 1973) „Die Akademiemorde“ unter den Baum legte. Nun – ich habe das Buch in fünf Tagen verschlungen und bin begeistert. „Fünf Sterne für Olczak“ weiterlesen

Widerfahrnis auch für den Leser

Was der Schreiber so liest (8)

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis (2016)

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Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Frankfurter Verlagsanstalt, 2016

Ein Roman ist ein erzählendes Werk mit mehr als 200 Seiten. Das war die einzige Romandefinition, die Kritikerlegende Marcel Reich-Ranicki gelten lassen wollte. Nicht nur unter diesem Maßstab ist er wohl mehr als berechtigt, der eigentlich nur für Romane vorgesehene Deutsche Buchpreis 2016 für Bodo Kirchhoffs neues Werk „Widerfahrnis“. Denn es handelt sich formal genommen um eine Novelle, eine „unerhörte Begebenheit“. Und wie ein Literaturkritiker noch am Montagabend aus jurynahen Kreisen kolportierte, waren es Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ und Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“, um die zuletzt noch gestritten wurde. Ein autobiografisches Werk und eine Novelle. Wie gut, dass es keine Regeln ohne Ausnahme gibt – das hätte auch Reich-Ranicki gut gefallen.
Unerhört ist schon der Titel. „Widerfahrnis auch für den Leser“ weiterlesen

Ein Debütant, kein Anfänger

Was der Schreiber so liest (7)

Christoph Heiden: Teufelsloch (2014)

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Christoph Heiden: Teufelsloch. Emons Verlag Köln 2014

Christoph Heiden ist ein Debütant. Ein Anfänger ist er nicht. Das merkt man schon auf den ersten Seiten seines Kriminalromans „Teufelsloch“.
Ein Mann wird zusammengeschlagen, der mutmaßliche Täter ist verschwunden. In einer Parallelhandlung wird schnell klar, dass dieser von einem Psychopathen an geheimem Ort festgehalten wird, und dass er nur eine Perspektive hat: Einen langsamen und qualvollen Tod. Und schon hat Heiden seine Leser gebunden, will man den Krimi um den eigenwilligen Ermittler Henry Kilmer nicht mehr aus der Hand legen.
Besonders beeindruckend ist Heidens präziser Umgang mit der Sprache; er schreibt ohne Schnörkel, kommt direkt auf den Punkt, es gibt keine schiefen Bilder und es gibt keine verkrampften Adverbien.
Die mehrschichtig angelegte Geschichte ist durchaus ermittler-orientiert, lässt aber dennoch psychologischen Tiefgang nicht aus. Die handelnden Personen sind glaubhaft und nachvollziehbar – das gibt es in Krimis nicht oft. Allerdings gelang es dem Autor nicht immer, seine Frauenfiguren aus diversen Klischees herauszuführen. Da geht noch was.
Weil nach dem überraschenden Schluss noch Fragen offen bleiben, wird der Leser etwas ratlos zurückgelassen. Vor allem in Bezug auf Kilmers Vergangenheit. Deren Geister holen ihn immer wieder ein und behindern den Kontrollfreak in seinen Ermittlungen.
Deswegen verlangt die Figur zwingend einen weiteren Roman. Fans des neuen Ermittlers müssen darauf jedoch nicht lange warten: Am 23. Juni erscheint das nächste Buch von Christoph Heiden. Mit „Tod in Jena“ macht er diesmal schon im Titel deutlich, wo die Handlung spielen wird.

Mit der Schablone entworfen

Was der Schreiber so liest (6)

Ken Follett: Kinder der Freiheit (2014)

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Ken Follett: Kinder der Freiheit. Lübbe Verlag, 2014

Gottlob, es ist vorbei! Die sogenannte Jahrhundert-Trilogie von Ken Follett umfasst drei Bände oder 3255 Seiten in der Erstausgabe von Lübbe. Vom ersten Buch fühlte ich mich noch prächtig unterhalten. Die Anlage des Epos war nett – es verfolgt den Lebensweg von fünf Familien aus Amerika, Russland, England und Deutschland quer durch das 20. Jahrhundert. Querverbindungen aus dem ersten Band (Sturz der Titanen), wie die des Deutschen Walter von Ulrich mit der englischen Lady Maud legen den Grundstein für spannende Verstrickungen im zweiten Teil (Winter der Welt), der zwischen der Machtergreifung Hitlers und der Teilung Deutschlands spielt.
Doch schon im zweiten Teil begann das Dilemma. Allzu dicht waren Folletts Protagonisten an den Entscheidungsträgern der Weltgeschichte. Allzu klischeehaft deren Heldentum. Und allzu sehr „Mit der Schablone entworfen“ weiterlesen

Ob Mussolini noch lebt?

Was der Schreiber so liest (5)

Umberto Eco: Die Nullnummer (2015)

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Umberto Eco: Nullnummer. Hanser Verlag, 2015

Meine erste »Begegnung« mit Umberto Eco rührt aus dem Herbst 1988. »Der Name der Rose« war auch in der DDR in aller Munde. Nota bene: Die entsprechende Eintragung in der Online-Enzyklopädie Wikipedia, dass der Verlag Volk und Welt die von Burkhart Kroeber für Hanser übersetzte Ausgabe 1989 nachdruckte, ist falsch. Die von mir im September 1988 gekaufte Ausgabe war bereits die dritte Vok-und-Welt-Ausgabe. Aber egal. Kurz: Ich war begeistert, und verfolgte die Ermittlungen des Paters William von Baskerville geradezu fieberhaft. Im Wendejahr 1990, inzwischen wusste ich ein wenig mehr von Eco, kaufte ich mir »Das Foucaultsche Pendel« – diesmal gleich in der Erstausgabe. Doch was für eine Enttäuschung: Statt mittelalterlicher Verbrecherjagd eine verwirrende Verknüpfung von Verschwörungstheorien, die mir einfach zu viel Gelehrsamkeit enthielt, wo ich nach Unterhaltung verlangte. Ich wandte mich von Eco ab, und wurde erst wieder auf ihn aufmerksam, als die »Nullnummer« erschien. „Ob Mussolini noch lebt?“ weiterlesen

Ermittler wider Willen

Was der Schreiber so liest (4)

Sabine Schulze Gronover: Die Flucht der blauen Pferde (2015)

Sabine Schulze Gronover: Die Flucht der blauen Pferde. Emons Verlag Köln, 2015

Ermittler wider Willen sind beliebte Protagonisten in der Kriminalliteratur. Mit Konstantin Neumann, einem Ex-Häftling, der nach verbüßter Strafe sein Leben neu ordnen will, hat Sabine Schulze Gronover einen geschaffen, bei dem es schwer fällt, Sympathien zu gewinnen. Vorurteile? Klischees? Mag sein. Der Spannungsfaden, den die Autorin spinnt, lässt einen dennoch nicht los. Er beginnt bei einer Frauenleiche, die man ausgerechnet in Neumanns Hausflur ablegt, und führt dann in die Kunstszene. Naziraubkunst, Fälscher, ein längst verschollen geglaubter Franz Marc und ein alter Freund aus dem Knast, der in einem luxuriösen Hotelzimmer seinem Krebstod entgegensieht und auch bis zum Hals in der Fälscherszene steckt, sind die Zutaten, aus denen Schulze Gronover einen Krimi zusammenbraut, der lange nachschmeckt. „Ermittler wider Willen“ weiterlesen

Ein Koffer voller Notizen

Was der Schreiber so liest (3)

Stephen King: Finderlohn (2015)

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Stephen King: Finderlohn. Heyne Verlag 2015

Rund 2000 Wörter schreibt Stephen King täglich. Ein Pensum, das seinen Fans Jahr für Jahr einen dicken Wälzer beschert und ihm den Ruf eines oberflächlichen Vielschreibers eingebracht hat. Zu Unrecht – wer nachrechnet, stellt fest, dass ihm genügend Zeit für Überarbeitungen bleibt.
In diesem Herbst liegt »Finderlohn« in den Buchläden. Damit knüpft er unmittelbar an »Mr. Mercedes« (2014) an, ohne den Roman fortzuschreiben. Der begnadete Schriftsteller John Rothstein wird von einem psychopathischen Fan ermordet, der vor allem an den Notizbüchern Rothsteins interessiert ist, in denen dieser seine Romantrilogie fortschrieb. Die Bücher versteckte der Mörder gut, aber dann „Ein Koffer voller Notizen“ weiterlesen

Kennst du einen, kennst du alle

Was der Schreiber so liest (2)

John Grisham: Die Erbin (2014)

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John Grisham: Die Erbin. Heyne 2014

Kennst du einen, kennst du alle. Wer bei Edgar Wallace der Täter ist, weiß man ja: Ein Sonderling, der irgendwann im Verlaufe des Buches auftaucht und behauptet, lange Jahre in Übersee gearbeitet zu haben. In Wahrheit war er ein »Zuchthäusler«. Einmal Verbrecher, immer Verbrecher.
So ähnlich ist das auch bei John Grisham, dachte ich. Wer »Jury«, »Firma« und »Akte« gelesen hat, kennt alles, was Grisham zu bieten hat. Dabei habe ich dann doch noch mehr Titel gelesen, bis ich ihn über hatte. Doch dann kam Denis Scheck, lobte »Die Erbin« über den grünen Klee (»hat große Klasse«) und machte mich neugierig. „Kennst du einen, kennst du alle“ weiterlesen