Verführung in Flussnähe

Was der Schreiber so liest (23)

Ulf und Juliane Annel: 111 Orte an der Unstrut, die man gesehen haben muss (2018)

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Ulf und Juliane Annel: 111 Orte an der Unstrut, die man gesehen haben muss. Emons Verlag Köln, 2018

Mit „111 Orte an der Unstrut, die man gesehen haben muss“, fügt der Emons Verlag Köln seiner mehr als 300 Bücher umfassenden 111-Orte-Reihe einen weiteren Band hinzu, den neunten, der sich mit Zielen in Thüringen befasst. Ulf Annel hat ihn geschrieben, Tochter Juliane Annel die stimmigen Fotos beigesteuert. Für das Duo kein unbekanntes Terrain, sie verfassten für die Reihe schon beide Erfurt-Bände, den über Weimar und den über die Thüringer Museen.
Mit einer Liebeserklärung beginnt Ulf Annel schon das Vorwort.  Die Unstrut, so schreibt er, bildet „eine Flusslandschaft, die in ihrer sanften Schönheit ihresgleichen sucht.“ Er wählt für seinen Reiseführer einen geografischen Ansatz: Wer mag, der kann den Annels folgen
– von der Quelle der Unstrut nahe Kefferhausen bis zur Mündung des Flusses bei Großjena. Es ist schon ein kleines Kunststück für sich, für die lumpigen 192 Kilometer so viele „Must-sees“ zu finden, mit denen sich das 237 Seiten starke Buch füllen lässt. Die touristische Arithmetik setzt für ein solches Vorhaben alle 1730 Meter eine Sehenswürdigkeit voraus. Im Durchschnitt. Doch Ulf Annel wäre nicht Ulf Annel, würde er diese Hürde nicht mit dem ihm eigenen Augenzwinkern meistern. So tauchen Sehenswürdigkeiten auf, die im Grunde keine sind, wie die „höchste Postleitzahl“ (9998 Höngeda) – darauf muss man erst mal kommen. Oder es finden sich Orte, die ziemlich weit weg vom Schuss, respektive vom Ufer liegen: Um von Niederdorla, Bad Langensalza oder Bad Tennstedt an die Unstrut zu kommen, muss man schon gut zu Fuß sein. Aber in diesem Fall ist das kein Manko. Denn wer den Annelschen Reiseführer geschickt segmentiert, der kann auf herrlichen Tagestouren allerlei Bekanntes und Unbekanntes besuchen, Eindrücke und Erlebnisse sammeln und immer mit einem kleinen Aha-Effekt die Heimreise antreten.
Die Auswahl der besprochenen Orte hat es in sich. Da gibt es in Mühlhausen eine Bücher-Kirche, gleich in der Nähe recken Mammutbäume ihre gigantischen Arme in den Himmel. Auch über eine Zimmer-Galerie verfügt die Kleinstadt und der Reisende merkt sogleich: In dieser Stadt, die selbst die meisten Thüringer immer nur über die historische Figur von Thomas Müntzer verorten, verlohnt ein ganzer Tag. Da gibt es nahe Grossengottern ein Denkmal für ein Opfer des Kalten Krieges – einer der „Rosinenbomber“ auf dem Weg nach Westberlin stürzte hier ab. Da lockt in Bad Langensalza die Rumpelburg als außergewöhnlich schöner Abenteuerspielplatz. Da kann man in Kirchheiligen in einem alten Eisenbahn-Waggon nächtigen und in Sömmerda die kleinste Bar der Welt besuchen, in die nur ein Gast passt. Da wurde in Bad Tennstedt die Zahnbürste erfunden, und in Weißensee das Reinheitsgebot für Bier – freilich lange vor den Bayern. Ulf Annel weiß, wo es die letzte Bratwurst vor Sachsen-Anhalt gibt, und wo das Gutshaus des Großneffen des eisernen Kanzlers Bismarck steht. Entlang der Unstrut gibt es Kulturhöfe, Gartentheater, Radwege, Staubecken, Klöster und Türmchen. Kurz: Ulf Annel lädt die Gegend rechts und links der Unstrut nicht mit Bedeutung auf, er findet die Bedeutsamkeiten, und wird so zum Wegbereiter für den willigen Unstrut-Entdecker.
Das wirklich Besondere an Annels Buch ist jedoch die Sprache. Erst durch sie wird das Büchlein vom Reiseführer zu Reiseliteratur. Heiter und beschwingt, ab und an den Leser augenzwinkernd auf den Arm nehmend, plaudert sich der bekannte Erfurter Kabarettist durch Belangvolles. Genau diesem Broterwerb ist es wohl geschuldet, dass man in dem Buch immer wieder Auftrittsorten für sogenannte Kleinkünstler begegnet. Genau dieser Passion ist es aber auch zu verdanken, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen will. Egal ob Ringelnatz zu Wort kommt, oder Annel Verkehrstipps gibt – etwa, wenn er von der Thüringer Pforte sagt, dass man bis heute dort gerne den Verkehr kontrolliert – der unangestrengt heitere Grundton gibt dem Buch einen Schwung, den man bei einem Reiseführer nicht erwarten kann. Er macht ihn zu einem echten Reiseverführer.

(aus: Palmbaum, Literarisches Journal für Thüringen, Heft 2/2018)

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